Die Elbe ist schon alt, und sie ist immer jung zugleich. Niemand weiß, wann sie geboren wurde.
Ihre längste Zeit lebte sie nach ihren eigenen Regeln, frisch und klar, frei und unbeherrscht.Der Mensch hat sie respektiert, respektieren müssen. Und er lebte mit ihr und von ihr, jahrhundertelang. Die wichtigen Dinge des Lebens hielt die Elbe für die Menschen bereit: Wasser zum Trinken, Fische zum Essen, Holz zum Kochen, zum Wärmen und zum Bauen und nicht zuletzt den fruchtbaren Boden der Aue.Ab dem 12. Jahrhundert rückte der Mensch näher an den Fluss. Die ersten Deiche wurden gebaut, sie sollten vor Hochwasser schützen.Die Herrschaft des Menschen über den Fluss nahm ihren Anfang, zaghaft zunächst und mit bescheidenen Kräften.

Erst vor knapp 200 Jahren hat man begonnen, die Elbe für größere Schiffe durchgehend befahrbar zu machen. Ihre Ufer wurden festgelegt, ihr Lauf nach den Bedürfnissen der Schififahrt ausgerichtet. Den kleinen Schiffen folgten zunehmend größere, die mehr Tiefgang hatten und nach weiterer Einengung des Flusses verlangten. Auch die Deiche wurden höher und näher an den Fluss gebaut.Mit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Elbe ein. Die Abwässer der Städte und der Industrie verwandelten sie in einen Abwasserkanal, für länger als ein halbes Jahrhundert. Das vielfältige Leben in ihr erstickte. Die Menschen rümpften ihre Nasen und wandten sich von ihr ab.
Ihre Distanz zur Elbe vergrößerte sich noch weiter, als sie auf 100 Kilometer Länge zur Trennungslinie zwischen zwei Welten wurde. Als Grenze zwischen beiden deutschen Staaten galt sie vierzig Jahre lang als scharf bewacht und unüberwindbar. Wachtürme mit Soldaten, Zäune und Hunde verwehrten den Menschen den Zugang. Der Grenzverlauf — Flussmitte oder nicht Flussmitte — war politisch höchst umstritten. Durch den Streitfall wurde die Elbe über ein halbes Jahrhundert so belassen, wie sie war. Ein Ausbau zur modernen Wasserstraße zwischen Ost und West fand nicht statt.
Es erscheint paradox: Die herrschende politische Unfreiheit bewahrte dem Fluss seine inzwischen für deutsche Verhältnisse beispiellose Freiheit. Bis zum heutigen Tage blieb die Elbe ein weitgehend frei fließender Strom, frei von Staumauern auf einer Länge von 600 Kilometern, einmalig in ganz Deutschland.
Wie vor 100 Jahren fließt die Elbe noch heute durch Wälder und Wiesen. Je nach Menge des Wassers kann sie zwischen den Extremen frei schwanken. Dieser nicht berechenbare Wechsel zwischen Niedrigwasser und Hochwasser, diese außergewöhnliche Lebendigkeit verleiht ihr ein unverwechselbares Gesicht. Sie, die Elbe, mag eine stille, eine kaum bekannte Sensation sein.
Die ,,Flusslandschaft Elbe“ entwickelte sich inzwischen zum größten Schutzgebiet Deutschlands und ist damit auch größtes Auenschutzgebiet Europas. Darin eingebettet wachsen die ausgedehntesten, noch erhaltenen Auenwälder ganz Mitteleuropas.
Wegen seiner Einzigartigkeit wurde dieses Gebiet zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt. Jetzt, wo das Wasser nach der Stilllegung vieler veralteter Betriebe und dem Bau von neuen Kläranlagen sauberer wird, ist die ganze Schönheit der Elbe wieder erlebbar. Nun lohnt sich der neugierig-liebevolle Blick auf den Strom, der Blick auf eine großartige Landschaft, die ihresgleichen sucht — der Blick auf die Wunder der Elbe.
(aus Ernst Paul Dörfler, Wunder der Elbe, Halle 2000)
Das die Elbe als naturbelassener Fluss neuerdings wieder bedroht ist, beunruhigt viele Menschen.
Die Interessen derer, die an und mit der Elbe Geld verdienen wollen sind zu hinterfragen. Das der Elbe kein steinernes Korsett in Form von Uferschotterung und Staustufen angelegt werden soll wird zwar beteuert, jedoch Skepsis bleibt. Wie sehr sich eher der Mensch auf den Fluss einzustellen hat, zeigt die Flut aus dem Jahr 2002.
In nebenstehendem Bild ist die kleine Elbschifferkirche in Priesitz, Landkreis Wittenberg zu sehen, die über 2 Meter im Wasser stand und deren schöne Schlichtheit zerstört wurde. Die Kirche wurde inzwischen mit erheblichem Aufwand wieder hergestellt.
