Die Taufe

Die Taufe ist eine (kirchliche) Symbolhandlung. Es soll dabei an Gottes befreiendes und rettendes Handeln erinnert werden. In der Taufe sagt Gott uneingeschränkt Ja zum Menschen. Ja, du bist meine Tochter, du bist mein Sohn; du bist Bruder oder Schwester Jesu Christi; ich werde bei dir bleiben bis ans Ende deines Lebens und darüber hinaus.
Wenn sich ein Erwachsener taufen lässt, so bringt er zum Ausdruck, dass er sein Leben bewusst als Christ gestalten will. Die Handlung der Taufe symbolisiert dabei den Abschied von einem alten sowie den Beginn eines neuen Lebensentwurfes. (Das „alte Leben“ wird abgewaschen.)
Eltern, die ihr Kind taufen lassen, bringen damit zum Ausdruck, dass ihr Kind keine Anschaffung ist wie ein Fernsehgerät, sondern dass ihr Kind (wie jedes Leben) ein Geschenk Gottes ist!
Mit der Taufe erfolgt eine Entscheidung zur Aufnahme in die Kirche, in die Gemeinschaft der Christen. Die Gemeinschaft der Christinnen und Christen bekennt sich zu Jesus und zu einem Menschen: „Einer ist unser Meister, wir aber sind alle Brüder und Schwestern.“ (nach Matthäus 23,8).
Dies ist alles etwas verkürzt und summarisch dargestellt. Es würde sich lohnen, über das gewandelte Taufverständnis ins Gespräch zu kommen, zumal es ja Auswirkungen auch auf andere Glaubensvollzüge, z.B. die Abendmahlspraxis hat!

Taufe im Elbgottesdienst – eine Erfahrung, die verbindet
(Artikel in Glaube und Heimat Nr. 18/ 2006, Wartburgverlag Weimar 2006)

Robert hieß er und er war ein ziemlich aufgeweckter Bursche. In Pretzsch an der Elbe war er geboren und wie viele Kinder nicht getauft. Irgendwer brachte ihn eines Tages mit in unseren Kinderkreis. Robert wirkte oft belebend auf die Gruppe, manchmal langweilte er sich auch etwas, aber er fühlte sich mit den anderen im Kinderkreis verbunden. Das mit Gott fand Robert schon spannend, und dass ihm auch die Jesusgeschichten etwas bedeuteten, merkte ich zu einem Ostergottesdienst. Kein Kind aus dem Kinderkreis hatte für ein Anspiel Zeit oder Lust, aber Robert sagte gleich, er wolle mitmachen. Und so war es fortan oft. Wenn etwas Besonderes lief, war Robert dabei.
Etwas Besonderes war in unserer Gemeinde z.B. der Elbgottesdienst, den wir alljährlich um den Johannistag herum feierten. Robert kam selbstverständlich. Ob er viel von dem verstand, was wir sagten, weiß ich nicht.
Wir, eine kleine Gruppe, die den Gottesdienst vorbereitete, brachten unsere Sorgen und Hoffnungen an den Fluss. Wir sangen und beteten, wir hörten, was die Menschen mit der Elbe verbanden und welche Befürchtungen sie mit Blick auf einen möglichen Flussausbau hatten. Wir schauten auf den Fluss, wie der Weise in einer alten chinesischen Parabel und wussten, dass man von der Elbe etwas lernen kann: nämlich gütig und freigiebig, mutig und weise, verträglich und ausdauernd, gerecht und zielbewusst zu sein und die Bereitschaft zur Erneuerung in sich zu haben.
Ist es nicht das, was einen Christenmenschen ausmachen sollte? Auf jeden Fall ist es das, was ich einem Jungen wie Robert wünsche, wobei ich ihn begleiten und ihm helfen will.
Darum fragte ich ihn, ob er sich taufen lassen möchte. Und das nicht im Taufstein der Kirche, sondern in der Elbe – seinem Fluss. Das sei geil, meinte er. Dann wäre er ja ein richtiger Christ! Und so wurde Robert in einem Elbgottesdienst getauft.
Dass der Elbgottesdienst nicht nur was für „richtige Christen“ ist, und dass insbesondere die Taufe eine eindrückliche und inhaltsreiche kirchliche Symbolhandlung ist, ließ sich auch von kirchenferneren Teilnehmenden erfahren.
Gerade durch den Taufvollzug im fließenden Wasser wurde die Intention der Taufe intensiver ausgedrückt und erlebt: So wie sich die Elbe stetig erneuert, so soll sich auch das Leben erneuern. So wie ein Fluss normalerweise auch seinen Lauf ändert und nicht festgefügt in einem geschotterten Bett dahinfließt, soll auch mein Leben in Freiheit und der Suche nach dem richtigen Weg verlaufen. Mein Leben soll sich an dem orientieren, was Jesus vorgelebt hat. So wie im Wasser etwas abgewaschen wird, so soll es auch mit meinem Leben sein. Das, was nicht gut war, was mich belastet, soll abgewaschen werden. So, wie es nur im freien Gewässer geht, das ich ein- oder gar untertauche und die Angst des Vergehens spüre, erfahre ich auch das Auftauchen und das Getragensein. Ob ein Zwölfjähriger diesen Symbolgehalt über den Verstand erfassen kann, sei dahingestellt. Durch die Taufe im Fluss wird er aber zumindest erspürt haben, dass dies ein besonderes, uns als Christen verbindendes „Bad“ ist.
Inzwischen lebe ich im Südosten Magdeburgs in unmittelbarer Elbnähe.
Seit Roberts Taufe in der Elbe bei Pretzsch haben sich mehrere Menschen auch hier dafür entschieden.
Zuletzt haben wir neben vier Kindern und einer Erwachsenen auch die neunmonatige Enya am Flussufer im Südosten Magdeburgs getauft. Die Familie wollte die Taufe bewusst im Elbgottesdienst – „viele Menschen sollen sich mit uns freuen“. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass der Elbgottesdienst eine Möglichkeit ist, der „steifen“ Kirchenatmosphäre zu entkommen.
Vielleicht gerade auch deswegen, weil keine Kirchenschwelle zu überwinden und keine unverständliche Liturgie mit zu vollziehen war, gab es eine enorme Beteiligung auch von Menschen, die sonst nicht oder nur selten an Gottesdiensten teilnehmen.
Was Robert anbelangt, weis ich nicht, welchen Weg er gegangen ist, ob er sich heute nach fünf Jahren weiter als Christ versteht, ob er an Gottes befreiendes und rettendes Handeln glaubt. Aber ich weiß, in der Taufe bleiben wir miteinander verbunden. Das Wasser der Elbe erinnert mich in besonderer Weise daran.

Matthias Simon